Der Klang der Stille
Von Manfred A. Schmid
Kürzlich war hier von verschiedensten Formen nachbarlicher Lärmerzeugung zu lesen. Anstatt in diesen Chor einzustimmen und z. B. von den fortschreitenden Kommunikationsbemühungen meiner zwei Monate alten Tochter zu erzählen, möchte ich zur Abwechslung einmal die Stille beschwören.
Es gibt ja verschiedene Arten der Stille. Stille, negativ definiert als Abwesenheit von Geräuschen, ist etwas ganz anderes als die erfüllte Stille, wie man sie beim Meditieren erleben kann oder an einem Spätsommerabend in der freien Natur. Auch wenn man im letzteren Fall natürlich alsbald bemerken würde, dass die vermeintliche Stille so still gar nicht ist. Wie sich nämlich das Auge in der Dunkelheit einstellt und dann neue, ungeahnte Nuancen wahrnimmt, so kann auch für unser Ohr in der Stille oft ein ganzer Kosmos von Tönen seiner Entdeckung harren.
Dann gibt es die andachtsvolle Stille und die damit verbundene heilige Ruhe · und ihr Gegenteil, die peinliche, die unerträgliche Stille. Weiters gibt es die erwartungsvolle, oft auch als unheimlich empfundene Stille, die uns ob des Kommenden in Erregung versetzt, und es gibt die Stille der Erschöpfung, ausgepumpt und leer, die sich erst allmählich wieder aufzuladen beginnt. Und dann ist da noch jene Stille, die den Hintergrund abgibt für die Töne · wie das weiße Blatt Papier, auf dem ein Gedicht abgedruckt ist: Palmströms Zwischenraum beim Lattenzaun, von dem Christian Morgenstern so beredt zu erzählen wusste.
Uns aber fällt es heutzutage offenbar schwer, in die verschiedenen Qualitäten der Stille hineinzuhören. Auf Schritt und Tritt, ob wir es wollen oder nicht, werden wir von Lärm heimgesucht. Und wir haben uns an diese aufdringlichen Geräuschkulissen schon so gewöhnt, dass wir es ohne sie auf Dauer kaum mehr aushalten können. Irgendein Ton läuft immer mit. In einem fort werden wir von Schallwellen berieselt und lassen uns berieseln, im öffentlichen Raum ebenso wie zu Hause.
Diese Dauerbeschallung hat dazu geführt, dass wir gegenüber der Stille stumpf geworden sind, es so gut wie verlernt haben, mit ihr umzugehen. Sobald wir ihrer gewahr werden, sorgen wir geradezu panikartig für irgendeine Art der Geräuschentfaltung · und somit dafür, dass sie, die Stille, schnellstens vertrieben wird. Sei es, dass wir etwas sagen, nur um etwas zu sagen, oder wir schalten einfach das Radio oder den Fernseher ein. Wir killen also die Stille mit Lärm, so wie wir die Zeit mit Rastlosigkeit totschlagen. Statt Stille zuzulassen, wird sie rigoros aus unserem Leben verbannt.
1952 hat der amerikanische Komponist John Cage mit seiner berühmt gewordenen Komposition 4'33'' der verloren gegangenen Stille ein Denkmal gesetzt. 4 Minuten und 33 Sekunden lang ist kein einziger Ton zu vernehmen. Bei der Uraufführung des Werks durch den Pianisten David Tudor wurde der Beginn der drei Sätze jeweils durch Schließen des Klavierdeckels, ihr Ende durch dessen Öffnen markiert: Der Klang der Stille · ein unerhörtes Hörerlebnis. Und die Aufforderung an uns, Stille bewusst wahrzunehmen. Stille als Anwesenheit, nicht als Abwesenheit (z. B. von Lärm). Denn wenn die Musik schweigt, tönt alles andere.
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